Hauptsache billig

Gastbeitrag von Kurt Rohmert

Lieferengpässe für Medikamente in den Apotheken

Europa ist bei Medikamenten auf Asien angewiesen. Als Folge der Corona-Pandemie könnte sich die Lage verschärfen. Es sind bereits viele Medikamente nicht lieferbar. Die Lage könnte kaum schlimmer sein. Woran liegt das?

Seit Beginn des Jahres grassiert die Pandemie, mit allen Tragödien und Auswüchsen. Die Folgen werden wahrscheinlich erst in weiter Zukunft sichtbar sein, die Kosten werden die aller anderen Katastrophen übersteigen. In vielen Ländern wird das gesamte öffentliche Leben gerade auf Notbetrieb umgestellt. Zeit für uns, die essentielle Frage zu stellen „Was ist wirklich wichtig im Leben?“

Gravierende Einschnitte sollen vor allem helfen, Zeit zu gewinnen. Zeit, um schnellstens Medikamente für die Behandlung Infizierter zu finden und langfristig Impfstoffe gegen das neue Virus zu entwickeln. Arzneimittel-Probleme sind jedoch bereits seit langem ein Problem. Apotheker und Ärzte befürchten jetzt , dass sich die angespannte Lage bei knappen Medikamenten durch die Corona-Epidemie weiter verschärft. So produzieren fast alle Hersteller aus Kostengründen in China. Auch rund um Wuhan, was besonders betroffen ist, werden Arzneien bzw. Wirkstoffe hergestellt. Dort sinkt die Produktion, auch Indien stellte den Export ein, um alle Medikamente für die eigene Bevölkerung zu reservieren.

Wie die aktuelle Situation in den chinesischen Provinzen aussieht ist unklar. Die Behörden haben die Bewegungsfreiheit der Menschen drastisch eingeschränkt. Während die grössten Antibiotika Hersteller NCPC sowie CSPC mitteilten, die Produktion laufe normal weiter, teilte der Hersteller von Penicillin United Laboratories mit, er produziere auf „niedrigstem Level“. Andere haben die Produktion ganz gestoppt. Händler rechnen also damit, dass es zu Unterbrechungen der Lieferketten komme.

Europa ist aber auf diese Medikamente angewiesen. Ob Schmerzmittel oder Blutdrucksenker, immer öfter bekommen Patienten in Apotheken zu hören, dass ihr Medikament nicht vorrätig ist. Ausgerechnet Mittel, die Ärzte oft verschreiben. Diese Engpässe können drastische Folgen haben, z.B. für Krebspatienten, wenn der Wirkstoff für die Chemotherapie fehlt.

Welche Medikamente betroffen sind, ist noch unklar, weil die Lieferketten der Pharma-Konzerne vollkommen intransparent sind. Auch die Behörden in Deutschland wissen nicht, welche Stoffe aus welchen Fabriken in welchen Arzneimitteln sind. Unklar ist auch, ob es noch weitere Hersteller der jeweiligen Präparate gibt.

Vor 15 Jahren waren Lieferengpässe in Deutschland kein Thema. Inzwischen sind sie ein bekanntes und alltägliches Problem, nicht nur in Apotheken. Trotzdem ist es verwunderlich, wenn das Bundesinstitut für Arzneimittel und die Europäische Arzneimittelkommission betonen, dass es „keine eindeutigen Hinweise“ gibt, dass kurzfristige Einschränkungen in der Versorgung mit unverzichtbaren Arzneimitteln auftreten. Aber was heisst das?

Denn es gab es Warnsignale, ja sogar Fakten. So erklärt eine Pharmazeutin „Als ich in meinem Beruf anfing, gab es keine Probleme mit der Lieferfähigkeit von Medikamenten. Inzwischen ist es Alltag.“ Sie spricht für viele ihrer Kollegen. Entsprechend einer Umfrage sagen 90% der selbständigen Apotheker, Engpässe gehören zu den grössten Ärgernissen. 60 % Ihrer Arbeitszeit verwendeten sie dafür, nach Lösungen zu suchen.

Tatsache ist, dass Pharmaunternehmen dem Bundesinstitut Lieferschwierigkeiten freiwillig melden. Zweck der Selbstverpflichtung ist es, Ärzten und Krankenhäuser zu helfen, sich auf diese Situation einstellen zu können. Der Präsident des Verbands Deutscher Krankenhausapotheker geht noch weiter. Er sagt deutlich, „Im gesamten Arzneimittelspektrum kommt es zu Lieferengpässen!“ Häufig betroffen seien generische, parenterale Arzneimittel für die Onkologie und der Infektiologie. Nicht immer gäbe es Alternativen.

Was aber sind die Ursachen für dieses mittlerweile internationale Problem? Der Geschäftsführer des Pharmaverbandes Bretthauer nennt zunächst die Marktverengung als Problem. Also die Tatsache, dass immer weniger Hersteller die Produktion eines einzelnen Arzneimittels übernehmen. Probleme sind sofort weltweit zu spüren. Die Produktion ist sehr komplex, erfordern sterile Prozesse und die Margen (Profite) sind gering.

Der treibende Faktor dieser Marktverengung ist wiederum der Kostendruck. Und gerade dieser Kostendruck hat zu einer starken Abhängigkeit von China geführt. So habe vor wenigen Jahren die letzte Produktionsstätte in Deutschland schliessen müssen. Denn das Preisniveau, das die Krankenkassen und die Arzneimitteleinkäufer der Kliniken erwarteten, sei so niedrig gewesen, dass ein „Made in Germany“ zu diesen hier üblichen Kosten nicht länger möglich war. Gleichzeitig erkannte die chinesische Regierung diese Marktlücke und investierte massiv in deren Ausbau. Folglich waren europäische Standorte nicht mehr wettbewerbsfähig.

Die Alternative besteht darin, die Produktion der Wirkstoffe wieder nach Europa, noch besser, nach Deutschland zu verlagern. So könnte man die sichere Versorgung der Patienten in Krisenzeiten gewährleisten (Forderung der Bundesärztekammer). Auch ein Pharmahersteller sieht eine solche Entwicklung durchaus realistisch. Da aber die Rahmenbedingungen fehlen, „könne es nicht über Nacht gehen.“ Selbst Minister Spahn erkennt die Abhängigkeit von China. Trotz geschlossener Einigkeit sogar über Parteigrenzen hinweg darf man gespannt sein, wie lange die Lösungsfindung dauert. Was sicher ist, wenn in Europa produziert wird, es wird definitiv teurer! Dagegen startet die Bundesregierung mit dem Vorschlag, bei der Preisfestlegung in Zukunft zu berücksichtigen, wo das Mittel produziert wird.

Höhere Preise sind aber nach Meinung der Krankenkassen keine gute Lösung, so Sibylle Reichert vom Weltverband der Krankenkassen. Sie fordert, dass Medikamente für jeden erreichbar und bezahlbar sind.
Gibt es eine Lösung aus diesem Dilemma? Kern des Problems sind die bekannten Rabattverträge der Krankenkassen. Es stellt sich die Frage, warum nur ein einziges Unternehmen an der Versorgung beteiligt sein sollte. Warum verfolgen Kliniken und Krankenkassen ein Einkaufsprinzip wie beim Discounter? Doch die Krankenkassen sehen das wiederum anders, allein 2018 haben sie so Einsparungen von 4,5 Milliarden erzielt. Das führe zu einer finanzierbaren gesetzlichen Krankenversicherung. Deshalb sehen die Kassen auch hier nicht das Problem, sondern sie prangern die Gewinninteressen der Hersteller an. Ihrer Meinung nach führe es keineswegs zu einer Dezentralisierung, nur weil mehr Geld bezahlt wird, so der Verband.

Es bleibt ein mulmiges Gefühl und die Gewissheit, es gibt keine einfache Lösung. Der Bundesgesundheitsminister hat ein neues Gesetz für mehr Sicherheit vorgelegt. Mehr Transparenz und geänderte Rabattverträge sind vorgesehen. Auch die freiwillige Meldepflicht wird dann verbindlich.

Zu diesem Thema die kompromisslose Meinung von Thomas Rietzschel (früherer Korrespondent der FAZ):
Plötzlich wird offenbar, was in der Vergangenheit versäumt und vernachlässigt wurde, was schiefgelaufen ist. Der Forschung ist das so wenig vorzuwerfen wie dem medizinischen Personal, wohl aber einer Gesundheitspolitik, für die ökonomische Prämissen entscheidender waren als das humanitär vorausschauende Denken. Verloren ging vielmehr das Bewusstsein für die unverhofft drohende Gefahr. Im Taumel des Wohlstands haben wir die Vorsorge für den Notfall schleifen lassen, nicht nur im Gesundheitswesen und nicht bloß seitens der politisch Verantwortlichen.

Wenn es eine politische Lehre gibt, die sich schon heute aus der Infektion Europas mit dem Corona-Virus ziehen lässt, dann ist es die der Rückbesinnung der Länder auf sich selbst. Denn nur Staaten, die noch in der Lage sind, sich abzugrenzen, können auch Gefahren begegnen, die ihren Bürgern von außen drohen.

(Weitere Info: siehe ZDF https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zoomin-mangelware-medizin-102.html)

 

2 Comments on “Hauptsache billig”

  1. Herr Rohmert, Sie sprechen in Ihrem Beitrag das aus, was all zu viele Patienten und auch ich täglich erleben und erleiden müssen.
    In der vorigen Woche wollte ich Medikamente gegen Bluthochdruck, der Bedarf wurde vom Hausarzt per Rezept verordnet, bei der örtlichen Apotheke bestellen. Ganz sicher war ich mir sofort, dass eine Bestellung erfolgen musste. Keines der verordneten Medikamente war vorrätig, obwohl ich diese seit mehr als 6 Jahren immer wieder verschrieben bekomme!
    Die Abholung sollte am Morgen des folgenden Tags erfolgen.
    Der Zufall wollte es, dass zum gleichen Zeitraum als ich die örtliche Apotheke betrat ein langjähriger Bekannter das gleiche Medikament mit Rezept verlangte, welches mir u.A. ebenfalls verordnet worden war. Die Antwort der Apothekerin an den Bekannten: …das zahlt Ihre Krankenkasse nicht.“
    Mir wurden, wie mehrfach erfahren andere Medikamente überreicht, mit der Erklärung: „…die verordneten Medikamente sind nicht vorrätig.“
    Auf meinen Vorhalt, dass die Wirkstoffe gleich seien, aber die Beimengungen mir oft sehr große Probleme machen, kam zunächst ein bedauerliches Achselzucken, dann rief mein Einwand die wohl verantwortliche Leitung der Apotheke auf den Plan, die mir mit bekannten Ausreden meinen Einwand zu entkräften versuchte. Ich verließ letztlich nach der Bezahlung von je 5,00 € pro Medikament, den Ort der überaus zuvorkommenden „Medikamentenausgabe“, vergaß aber gegenüber der „Bedienung“ nicht unerwähnt zu lassen, dass ich bei der letzten Verordnung meines Hausarztes schon wieder einmal mit der Ausrede, das Medikament sei nicht zu beschaffen, ich mein Glück in der Apotheke des Nachbarortes versuchte und auch erhalten hätte, mit der bemerkenswerten Tatsache, dass mich damals noch zwei Tagen der Anruf der örtlichen Apotheke erreichte, dass die angefragten und verordneten Medikamente doch jetzt verfügbar seien.
    Eine absolut verfehlte Gesundheits- und Beschaffungspolitik der Verantwortlichen trägt zu diesem allseits zu beklagenden Problem einen nicht unerheblichen Anteil.

    1. Man kann diese Entwicklung eigentlich nicht nachvollziehen. Gerade weil es um Medikamente geht. Ich schätze, dass diese Krise noch weitere Missstände aufdeckt.

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