Warum spazieren gehen?

Gastbeitrag von Thomas Ahlers

Der Aufsatz „über Spaziergänge“ von André Gödecke, der diverse Ausbildungen im Bereich der Kommunikation hat, stimmt mich sehr nachdenklich.

Ich frage mich, wieso es diese Spaziergänge überhaupt gibt und weshalb viele Menschen diese kritisch sehen? Wenn ich auf die Metaebene gehe, kann ich mich genau an den Beginn der Coronakrise erinnern. Keiner wusste, was da auf uns zukommt und wie gefährlich dieses Virus ist. Dass das daraus wurde, was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben, hätte ich niemals für möglich gehalten.

Als im November 2020 unser Grundgesetz geändert werden sollte, damit die „Politik handlungsfähig bleibt“, war für mich ein Punkt erreicht, der mich zum Handeln zwang. Ich habe Bundestagpolitiker jeglicher Couleur angeschrieben mit der Bitte, dieser Änderung nicht zuzustimmen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden einige Rechte im Grundgesetz verankert, damit so etwas wie damals nie wieder passiert – von Menschen, die diesen Wahnsinn miterlebt hatten und alles dafür tun wollten, damit Menschen solch ein Unrecht nie wieder angetan wird.

Ich bin mit Freunden nach Berlin gefahren, um dort am nächsten Tag klar zum Ausdruck zu bringen, dass solch eine Änderung für mich völlig inakzeptabel ist. Als ich zurückkam, schlug mir eine Welle des Missverständnisses entgegen. Ich wurde als Rechter beschimpft, als jemand der der AFD eine Plattform bietet, als ein Mensch, der einen Angriff auf unsere Demokratie vornimmt.

Tage später hat mir einer der Politiker, den ich im Vorfeld angeschrieben hatte, per Post mitgeteilt, dass ein demokratisches Miteinander wegen Personen wie mir gefährdet sei.

Naja, dachte ich bei mir: Habe ich da bezüglich demokratischen Miteinanders etwas falsch verstanden? Mir wurde beigebracht, dass Meinungsfreiheit eine der größten Säulen der Demokratie ist: Seine Meinung äußern zu dürfen, die Meinung des anderen anzuhören und respektvoll damit umzugehen, bedeutet, die Meinung des Gegenübers zu akzeptieren. Auf sein Recht zu bestehen, bedeutet Macht auszuüben. Akzeptanz dagegen bedeutet Frieden.

Ich fühlte mich missverstanden und nicht gehört. Politiker, denen ich bei der Wahl mein Vertrauen aussprach, wollten mir nicht zuhören. Und jetzt?

Was macht ein Kind, wenn ich ihm keine Aufmerksamkeit schenke, ihm nicht zuhöre? Es macht auf sich aufmerksam. Die Menschen, die für die Maßnahmen in unserem Land verantwortlich sind, hörten uns nicht zu. Also machten wir auf uns aufmerksam. Es folgten Demos, oft unter erschwerten Bedingungen, teils dem Virus geschuldet, teils der Exekutiven. Seitens der Politik wurde der Druck auf uns erhöht. Überall wurde von Querdenkern, Coronaleugnern und der Ausbreitung von „Rechts“ berichtet.

Ich habe diesbezüglich ein sehr interessantes Gespräch mit einer Frau aus der ehemaligen DDR geführt. Sie sagte, dass sie solch ein Vorgehen der Politik aus ihrem alten Land kennen würde. Sobald es einen Verdacht auf Klassenfeind gab, wurde dieser als rechts dargestellt, als Bedrohung des Systems. Sofort gab es einen Grund für Freiheitsentzug und Bestrafung.

Immer häufiger wurden Demos nicht genehmigt, teils aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Ist es da verwunderlich, dass Menschen nach Wegen suchen, auf Ihre Verzweiflung aufmerksam zu machen, ohne dabei die Gesetze zu verletzen? Ein Kind, das in Not ist, wird mit seinem Verhalten so lange auf sich aufmerksam machen, bis ihm Zuwendung geschenkt und ihm zugehört wird.

In dieser ganzen Zeit hat mich nie ein Mensch angesprochen und nach meinen Bedürfnissen, oder Intentionen gefragt, warum ich an solchen Veranstaltungen teilnehme, warum ich mich so verhalte. Stattdessen erlebe ich Diskriminierung, Verurteilung und Abwertung.

Bei allen Veranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe, habe ich keinen Menschen erlebt, der rechtes Gedankengut geäußert hat oder sich offensichtlich diesbezüglich zur Schau stellte. Häufig kommt hier das Argument: Die machen es ja auch versteckt und outen sich nicht, und somit unterstützten wir mit der Teilnahme an solch einer Veranstaltung ihre Intention.

In einem Restaurant habe ich noch nie die anderen Gäste nach ihrer politischen Ausrichtung gefragt. Sie vielleicht? Alle verfolgen das gleiche Bedürfnis: Gut zu essen, etwas zu trinken und einen tollen Abend zu haben. Würde dieses Restaurant offensichtlich von rechten Besitzern betrieben, würde ich dieses Restaurant meiden. Genau, wie bei einer Demo: Würde die Demo von Menschen mit rechter Gesinnung veranstaltet, würde ich diese Veranstaltung meiden. Was machen wir nun mit dieser Misere?

Reden und zuhören! Den größten Fehler, den wir im Umgang miteinander machen können, ist Ignoranz. Ich wurde gefragt, ob ich einem Menschen mit rechter Gesinnung zuhören würde. Ja, durch die Erfahrungen der letzten zwei Jahre würde ich tun. Ich würde zuhören und mit diesem Menschen kommunizieren. Ich würde wissen wollen, woher seine Vorstellung kommt, warum er so denkt, so handelt. Vielleicht gibt meine Stellungnahmen Impulse, über die dieser Mensch dann nachdenkt. Vielleicht öffnet sich sogar eine neue Dimension für ihn. Das wissen wir erst, wenn wir es versucht haben. Es ist an der Zeit, respektvoll miteinander in Kommunikation zu treten. Akzeptanz statt Ignoranz könnte eine Devise sein.

Jedenfalls haben diejenigen, die alles richtig finden und nichts von dem in Frage stellen, was die Regierungen uns vorschreiben, die Kollateralschäden der Maßnahmen ignorieren und Andersdenkende ausgrenzen, genauso wenig mit gelebter Demokratie zu tun wie Politiker, die spalten, statt zu verbinden.

Am 05.02.22 war ich auf der Demo in Düsseldorf mit geschätzt 8.000 – 10.000 Menschen. Lange habe ich solch eine besondere Stimmung nicht erlebt. Mit Menschen unterwegs zu sein, auf Missstände aufmerksam zu machen, vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl. Am Straßenrand gab es einige Gegenprotestler mit roten Karten. Immer wieder der Vorwurf, rechts zu sein. Die Antifa war mit wenigen Gegendemonstranten vertreten, die laut brüllten: Nazis raus! Die Antifa ist eine Vereinigung, die den Staat immer kritisch sieht und Maßnahmen eher verweigern würde; doch ihre jetzigen Reaktionen sind von Ängsten geprägt. Ein Schwarzer Mensch hatte ein Plakat auf dem Stand: I am not a NAZI, are you blind? Eine weitere Demonstrantin hatte ein Plakat mit der Aufschrift: Zu weit nach links gedreht, ist schnell rechts.

Viele Menschen, die am Straßenrand standen, formten mit ihren Händen Herzen, applaudierten und riefen „Danke“. Am Ende der Kö bis zum Fernsehturm standen Krankenpfleger*innen, und Ärzt*innen in Arbeitskleidung am Straßenrand und applaudierten. Das war für mich eine besondere Geste.

Am 12.02.22 war ich wieder in Düsseldorf. Diesmal deutlich mehr Menschen; es werden wöchentlich mehr. Auch diesmal eine tolle Stimmung. Nach meinem Eindruck deutlich weniger Gegenproteste als in der vergangenen Woche; deutlich weniger Polizeipräsenz. Menschen halten mit ihren Autos an, hupen und halten den Daumen hoch. Auf der Kö bleiben Menschen an den Geschäften stehen und applaudieren. Ja, es gibt einen Passanten, der stehen bleibt und uns beide Mittelfinger zeigt. Ich denke nur: Der Friede sei mit dir – und lasse mich nicht beeindrucken.

Plötzlich reiht sich eine Gruppe vor uns ein mit der Fahne der Antifa. Die Antifa in unseren Reihen? Ich kann es nicht fassen, und wir sprechen beeindruckt den Träger der Fahne an: Ihr unter uns? Sonst steht ihr am Straßenrand und betitelt uns als rechte Demonstranten.

Seine Antwort: Schaut euch die Menschen am Straßenrand genau an. Die, die euch als Rechte bezeichnen, das sind die wahren Faschisten, egal welche Fahne sie tragen. Wenn ich nicht mit euch ginge, wo sollte ich dann sein?

Macht es nun Sinn, darüber nachzudenken, ob diese Menschen rechts sind? Macht es Sinn, zu vergleichen und den Menschen mit Vorwürfen zu begegnen, egal wie sie über die Situation denken?

 

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