Das deutsche Krisenmanagement

Hilflos, zögerlich, unkoordiniert!

Lachende Herren um Frau Merkel herum waren gestern im ZDF um 19.00 zu sehen. Man hatte sich mal wieder getroffen, um über die Maßnahmen gegen Corona zu beraten, die in Bayern durchgeführt, in NRW teilweise durchgeführt, in Sachsen noch verschoben und in Mecklenburg-Vorpommern noch diskutiert werden sollten oder so ähnlich.

Am 12. März veröffentlicht der Tagesspiegel die Zahl von 2369 Infizierten und 6 Toten, nachdem es am 6. März erst 600 Infizierte waren. Heute, am 18. März, sind es 10.000 Infizierte und 26 Tote.

Und die große Krisenmanagerin Angela Merkel war nach ihren üblichen langen Schweigezeiten endlich aufgetaucht, um mit Gesundheitsminister Spahn und dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar H. Wieler zu ihrem Volk zu sprechen. Zusammenfassend sagte sie:

  • Man rechnet mit 60 bis 70 Prozent der Menschen, die infiziert werden.
  • Es geht bei den getroffenen Maßnahmen darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.
  • Ziel ist es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.
  • Darum „ist nicht egal, was wir tun, es ist nicht vergeblich, es ist nicht umsonst, was wir tun, auch wenn sich die Ratschläge verändern.
  • Die Ratschläge orientieren sich daran, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet wird.
  • Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen sollten abgesagt werden.
  • Es sollte laut Videokonferenz der Vertreter aller europäischen Länder ein einheitliches abgestimmtes Verhalten in Europa stattfinden.
  • Der Föderalismus erlaubt Deutschland den Vorteil des dezentrales Handelns.
  • Wir müssen abgestimmt handeln auf allen staatlichen Ebenen.
  • Unsere Solidarität, unsere Vernunft und unser Herz sind gefragt.
  • Soziale Kontakte sollten weitestmöglich eingeschränkt werden.

Und wieder kreierte Merkel einen schönen Satz, um auch dieser Krise ihren Stempel aufzuprägen. „Ein Einschnitt, der uns sehr viel abverlangt.“ Die kurze Pause nach diesem Satz ließ erwarten, dass der nächste Satz heißen würde: „Aber wir schaffen das.“ Nein, da bleibt sie ihren Einsilbigkeiten treu. Kurze prägnante Sätze oft eher populistischen Inhalts müssen situationsspezifisch reichen.
„Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“ oder
„Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ oder
„Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist“ oder
„Wir sind jetzt gerade im Sommer der Entscheidungen. Und dann kommen der Herbst und dann der Winter der Entscheidungen. Jetzt kommen überhaupt nur noch Entscheidungen.“

Bisher habe ich mich ja im großen Umfang mit der Politik der GroKo unter Merkel beschäftigt. Ein Blick in ihre Fähigkeiten, ihre Politik den Menschen sprachlich vermittelbar zu machen, dürfte Kabarettisten zum Strahlen bringen. Der von mir hochgeschätzte Volker Pispers, der wie kein Zweiter die Fähigkeit besaß, Politik mit einfachen Worten zu erklären und sich auch an Merkel abarbeitete, hat leider resigniert und viel zu früh die Bühne verlassen. So müssen wir uns mit der Realsatire begnügen und mit den Zitaten wie „Ich habe entschieden, dass das Programm ausgewogen und richtig ist“ und „Auf deutschem Boden gilt deutsches Recht“ zufrieden geben. Schön wäre es ja, aber jeder weiß inzwischen, dass das ein frommer Wunsch ist und das, was Recht oder Rechtsbruch ist, davon abhängt, wer und wo jemand die Auslegung darüber trifft.

Wer glaubt, in diesem Land sei auch nur irgendwas geordnet, darf sich das Krisenmanagement der Corona-Epidemie anschauen. Als zu Beginn des Jahres das Virus in China zu wüten begann, schickte man alle Vorräte an Atemmasken dorthin und tat in bekannter Arroganz so, als hätten wir mit diesem Virus nichts zu tun.

Lothar Wieler, Leiter des Robert Koch-Instituts, berichtet inzwischen täglich über die Zahl der Infizierten und Toten und von der Leyen gibt zu, dass man das Virus unterschätzt habe.

Gestern berichtete Zeit online über „gefährlichen  Wohlstandstrotz“, der sich gerade unter jungen Menschen ausbreitet. Von Coronapartys und Nacktrodeln ist die Rede, von immer noch vollen Straßen, Parks und Treffen von Gruppen, von Menschen also, die mit einer eingebildeten Unverletzlichkeit der Pandemie trotzen. „Vielleicht können wir uns ja darauf einigen, dass Nacktrodeln und Partys nicht mehr zum Notwendigen gehören, Spielplatzaufläufe auch nicht. Dass wir jetzt generell zu Hause bleiben und möglichst allen Menschen, mit denen wir nicht zusammenwohnen, aus dem Weg gehen“, heißt es da.

Was ist von Menschen zu erwarten, die im Schlafmodus ihr über Jahre angenehmes Leben führen, ihrem Egoismus frönen, ihre Reisefreiheit genießen, Bedürfnisse erfüllen und das Denken und Meinen den Medien überlassen. Diese Menschen brauchen klare Anweisungen, endlich auch einmal Verbote, da sie über Jahre gelernt haben, das zu tun und zu denken, was schließlich alle tun und denken.

Italienische Forscher haben Deutschland aufgefordert, schneller und mit strikteren Maßnahmen die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie zu verhindern und damit Italiens Fehler zu vermeiden. Innerhalb eines Tages haben sich in Italien fast 2500 Menschen neu mit dem Coronavirus infiziert, knapp 350 sind gestorben. Italienische Forscher warnen davor, dass anderen Ländern Ähnliches droht. Das war am 16. März zu lesen.

Heute, am 18. März, erwarten wir eine Rede Merkels an die Bevölkerung. Sie wird keine strikteren Maßnahmen verkünden, heißt es schon am Morgen desselben Tages. Was sonst? Ach ja, Variationen ihres Zitats: „Ein Einschnitt, der uns sehr viel abverlangt.“

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