Weizsäcker: Der bedrohte Friede

Richtigstellung
In meinem Beitrag „Das ‚demokratische‘ Deutschland“ vom 9. August 2019 zitierte ich Carl-Friedrich von Weizsäcker aus „Der bedrohte Friede“ mit folgenden Worten:
Der Deutsche: absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind, aber ein totaler Mangel an Zivilcourage! Der typische Deutsche verteidigt sich erst dann, wenn er nichts mehr hat, was sich zu verteidigen lohnt. Wenn er aber aus seinem Schlaf erwacht ist, dann schlägt er in blindem Zorn alles kurz und klein — auch das, was ihm noch helfen könnte!“
Von einem Leser wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Zitat eine Fälschung sei. Diesem Hinweis ging ich nach, kaufte das Buch und las die ungekürzte 2. Auflage vom März 1984. Hier und heute die Richtigstellung: Das im Internet vielfach verwendete und auch von mir übernommene Zitat mag gesagt haben, wer will. Weizsäcker war es nicht. Sowohl seine Sprache  als auch seine zutiefst christliche Überzeugung widersprechen der Aussage über die Deutschen.
Was er aber Kluges und Weitsichtiges auf mehr als 600 Seiten ausgesagt hat, möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten. Hier ein Auszug seiner politischen Gedanken:

Carl-Friedrich von Weizsäcker aus „Der bedrohte Friede“

Das Ziel dieses Buches ist nicht, dass seine Vorschläge angenommen werden, sondern daß ihr Für und Wider sorgfältig diskutiert wird, so daß am Ende vielleicht sogar bessere Vorschläge gefunden werden könnten.

Mit dem Wohlstand ist in breiten Teilen des Volkes und seiner Führung die Neigung eingezogen, den Blick vor gesellschaftlichen und politischen Übelständen zu verschließen und harten Entscheidungen auszuweichen. Wir können keine der politischen Parteien von dem Vorwurf freisprechen, daß sie dem Volk die Wahrheit, die es wissen muß, vielfach vorenthalten und stattdessen das gesagt haben, wovon sie meinten, daß man es gern hört.(Tübinger Memorandum, 6. 11. 61)

Der politisch militärische Plan, um unsere Freiheit zu schützen, entfaltet in den großen Atomwaffen eine Eigenmächtigkeit, die den Menschen zu vernichten droht. Der Mensch muss die Distanz zu diesem Apparat gewinnen; d.h. hier, er muss auf seine Anwendung verzichten. Das scheint ganz leicht, ist aber sehr schwer. (Seite 41)

… die großen Bomben erfüllen ihren Zweck, den Frieden und die Freiheit zu schützen, nur, wenn sie nie fallen. Sie erfüllen diesen Zweck auch nicht, wenn jedermann weiß, dass sie nie fallen werden. Eben deshalb besteht die Gefahr, dass sie eines Tages wirklich fallen werden. (S. 36)

Die soziale Grundordnung ist nicht schon deshalb gesund, weil es im Augenblick den meisten gut geht. Ihr Bestand wird davon abhängen, ob sie die Prinzipien der Selbstverantwortung und der Solidarität klar miteinander zu verbinden weiß. Selbstverantwortung heißt, dass der selbständige Mensch seine Kraft wahrt, den Wechselfällen des Lebens von sich aus zu begegnen. Solidarität bedeutet, dass der einzelne in der Gemeinschaft klar umrissene Pflichten und einen klar umrissenen Schutz findet. Diese Forderungen lassen sich nur durch eine wohldurchdachte, gerechte und unnachgiebige Wirtschafts- und Sozialpolitik. erfüllen.  (S. 113)

Wenn ein Volk den 30-jährigen Krieg von 1914-1945 hinter sich hat, so sind nachher 15 Jahre Schlaf der öffentlichen Meinung vielleicht verzeihbar. Es könnte ein Heilschlaf gewesen sein, zumal wenn in dieser Zeit die bewundernswerte Leistung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus fällt. Wer aber heute in der Welt herumkommt, der weiß, wie provinziell die Denkweise in der Bundesrepublik durch diesen Schlaf geblieben ist. Wenn man so denkt, und wenn man meint, zur Wachheit gehöre es, dass unsere Politiker ohne Angst vor Wahlverlusten wagen dürfen, das Notwendige zu sagen und zu tun – nun, dann nimmt man es sich unter Umständen heraus, ein Memorandum für Bundestagsabgeordnete zu schreiben. (S. 115)

Rechtsstaatlichkeit ist die Grundlage bürgerliche Freiheit; Freiheit ohne bindende Rechtsordnung vernichtet sich selbst. Ein konkretes Beispiel für die notwendige geplante Freiheit mag hier genügen: das Bildungswesen. In unserer Welt ist für jeden Menschen eine angemessene Ausbildung Bedingung desjenigen sozialen Status, in dem allein er das ihm mögliche Maß an Freiheit betätigen kann. Diese Ausbildung aber erfährt er als Folge staatlicher Planung (oder Planlosigkeit) in einem jugendlichen Alter, in dem er noch nicht für sich selbst entscheiden kann. So entscheidet die Planung des Bildungswesens mit darüber, ob wir Staatsbürger haben werden, die der Freiheit fähig sind. (S.134)

Der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters. Das technische Zeitalter, das ist unsere Zeit, unser Alltag und der Alltag unserer Kinder und Enkel. Es ist die Welt, in der man zu einer Tagung mit Auto, Eisenbahn oder Flugzeug anreisen kann, in der unsere Ernährung und Kleidung am Welthandel hängt, in der die Medizin die Zahl der Weltbevölkerung zur Explosion bringen kann und, wie wir hoffen müssen, auch begrenzen kann, und in der Atombomben und Napalm das verfügbare, biologische Waffen vielleicht das künftige Kriegspotential andeuten. Diese Welt bedarf des Friedens, wenn sie sich nicht selbst zerstören soll. … Angst und Aggression sind die Wurzeln der Friedlosigkeit. (S. 161)

Dass der Mensch wird, was er sein kann, dass er er selbst wird und das weiß, nennt man heute oft die Gewinnung einer Identität. Die Identität ist im einzelnen Inhalt nicht voll vorbestimmt, sie muss sich mit den Chancen des Lebens, mit der zugewiesenen oder verfügbaren sozialen Rolle abfinden. Was der Mensch braucht, ist aber jedenfalls eine Identität. Diese ermöglicht ihm, mit sich selbst in Frieden zu leben. Und Frieden mit sich selbst ist nötig, um Frieden mit den anderen halten zu können. (S.166)

Gute Politik ist unmöglich ohne Erkenntnis der Sachverhalte, und Erkenntnis gedeiht weitaus am besten im Felde freier Diskussion. Ein totalitäres Regime kann seine Probleme eine Zeit lang unter den Teppich fegen, aber die Stunde der Wahrheit kommt schließlich. (S. 259)

Wahr ist, daß das Eigeninteresse gerade im ökonomischen Bereich bei jedem Menschen der zuverlässigste Motor zweckmäßigen Handelns ist und daß der Zwang, selbst für sich zu sorgen, leistungsfähige Menschen schafft. (S. 283)

Der Islam ist nicht das, was der skeptische Pluralismus des Westens unter einer Religion versteht, er ist nicht eine auf die Privatsphäre beschränkbare fromme Überzeugung. Der Islam ist eine auf Offenbarung gegründete sittliche, soziale, politische Lebensgemeinschaft. (S. 354)

Betrachten wir als Beispiel nur die eine der Ursachen des Elends, das ständige Wachstum der Bevölkerungszahlen. Man kann sagen, woher dieses Wachstum kommt. In traditionellen Gesellschaften ist es für jede Familie, zumal für jede arme Familie ökonomisch wichtig, viele Kinder zu haben. Gewiß sind sie Esser, aber sie sind auch Arbeitskräfte, und sie allein werden dereinst die Eltern ernähren, wenn diese alt geworden sind. Auch sterben viele Kinder früh an Krankheiten. Die moderne Medizin hält die Kinder am Leben. In unseren hochindustrialisierten Ländern hat der verbreitete Wohlstand die ökonomische Nötigung, Kinder zu haben, zum Verschwinden gebracht; deshalb kommt bei uns das Bevölkerungswachstum zum Stillstand. (S.362)

Ich ende mit einem Plädoyer für christliche Entwicklungshilfe. Die Welt ist voll von Gruppen, die ihrem Egoismus frönen, und voll von politischen Richtungen, deren jede die Wahrheit gepachtet hat. Die Christen haben gelernt, dass wir allzumal  Sünder sind, oder sie sollten es gelernt haben. Sie sollten imstande sein, Hilfe zu geben nicht als Lohn für politisches Wohlverhalten. Sie sollten imstande sein, dem anderen dort zu helfen, wo er ist, nicht dort, wo sie ihn haben möchten. (S.364)

Adam Smith schrieb dem Staat drei Aufgaben zu, ohne deren Lösung der Markt nicht funktionieren kann: Schutz nach außen, Aufrechterhaltung der Rechtsordnung, Betrieb nicht-profitbringender wirtschaftlicher Tätigkeiten. Wir würden modern sagen: Friedenserhaltung, Rechtsordnung, Infrastruktur. (S.379)

Es ist fraglich, ob wir die Umweltschädigung, die durch weiter wachsende Wirtschaft erzeugt wird, in Schranken halten können. Die Menge der psychischen Störungen in unserer Gesellschaft nimmt zu; es sei erlaubt, Rauschgifte und Terrorismus als Beispiele unter dieser Überschrift mitzuführen. Die Störanfälligkeit gegen Gewalt in hochtechnisierten nationalen und internationalen Systemen nimmt natürlicherweise zu, damit die Versuchung des Polizeistaats. Das außenpolitische System hat die Jahrtausendealte Institution des Kriegs noch nicht überwunden – als Weltsystem geht es schwanger mit dem Weltkrieg. (S.385)

Man bekämpft Ölkrisen durch Ölbohrungen, allgemeiner gesagt Energiemangel durch Energieplanungen, in denen die Ersparnis stets weniger ausmacht als die Erschließung neuer Energiequellen. Man begegnet dem Bevölkerungswachstum und der Arbeitslosigkeit mit weiterem Wirtschaftswachstum, der Umweltschädigung mit Umwelttechnik, der Gewalt mit Kontrolle, dem Krieg mit Abschreckungsrüstung, den psychischen Störungen mit Psychoanalyse, Massenpädagogik und schließlich Polizei. (S.365)

Die Mentalität der Mitbestimmenden erweist sich durch dieselben Motive gelenkt wie die der bisher Alleinbestimmenden, nur unerleuchteter, egoistischer, chaotischer. Dies ist kein Einwand gegen die historische Notwendigkeit der Partizipation. Partizipation ist ein unerlässlicher Teil des massenpädagogischen Prozesses, den man Demokratie nennt; des Lernens der Entscheidung durch die Betroffenen.  Wir Menschen müssen lernen, die Welt, in der wir leben, als unsere eigene Welt zu verstehen; in dezentraler Entscheidung, soweit möglich, sie mitzutragen. Eine der negativen seelischen Wirkungen der technischen Kultur ist gerade die Konsumentenmentalität, die Unwilligkeit zur Teilhabe an Verantwortung. (S.386)

Nach Kant gibt es für ein vernünftiges Wesen nur einen einzigen kategorischen, d.h. unbedingt gebietenden Imperativ, das „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“: „ Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Vernunft ist für Kant nämlich das Vermögen des allgemeinen Denkens, ein vernünftiges Gebot also ein allgemeines Gebot. Der kategorische Imperativ fordert somit vom Menschen als einem vernünftigen Wesen nichts anderes, als daß er seine Vernunft gebraucht und nach Maximen handelt, die fähig sind, allgemeine, also vernünftige Gesetzesprinzipien zu sein. (S.399)

Weltweit kann der Bedarf an Kernenergie nur im Zusammenhang mit der ökologischen Wünschbarkeit einer drastischen Einschränkung der Verwendung fossiler Brennstoffe beurteilt werden. Knapp werden diese nicht so bald. Öl und Gas sind noch für Jahrzehnte, Kohle ist für Jahrhunderte ausreichend. Aber nach den meines Erachtens besten heutigen geoklimatologischen Schätzungen ist zu vermuten, daß die Kohlendioxyd-Erzeugung in 70 bis 100 Jahren Klimaänderungen bewirken wird, deren politische Rückwirkungen vielleicht nicht geringer sein werden als diejenigen großer Kriege. (S.421)

Wer gewachsene Lebenszusammenhänge verändert, zerstört auch Gewachsenes. Keine Operation ohne Schnitt. Kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Kein Erwachsenwerden ohne Identitätskrise. Die Wissenschaft ist noch nicht erwachsen.

Die Wissenschaft ist verpflichtet, auch zu erkennen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert werden müssen, wenn die Gesellschaft die durch die Wissenschaft ermöglichte Weltveränderung überleben soll. (S. 565)

Die europäische Neuzeit hat eine radikale Veränderung in der moralischen Beurteilung gesellschaftlicher Verhältnisse vollzogen: den Übergang vom Ethos des Herrschens und Dienens zum Ethos der Freiheit und Gleichheit. Die politische Gestalt des neuen Ethos heißt Rechtsstaat und Demokratie, die ökonomisch-soziale Gestalt heißt Sozialismus. Dies sind die langfristigen großen gesellschaftlichen Entwürfe unseres Jahrhunderts. Alle drei – nicht immer verbündet – schienen nach dem zweiten Weltkrieg im Vormarsch zu sein. Alle drei sind ins Wanken geraten. Nach der in diesem Buch vertretenen Meinung ist die klügste politische Erfindung der europäischen Neuzeit der liberale Rechtsstaat. (S. 597)

Demokratie, ernst genommen, stellt eine bis heute ungelöste Erziehungsaufgabe. Erziehung heißt hier nicht nur „education “, Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, sondern Einübung der Fähigkeit, den Mitmenschen wahrzunehmen, der Solidarität. …

Der Grund des Scheiterns der großen Entwürfe ist überall derselbe: die unzureichende Wahrnehmung des Menschen für den Menschen, die Unfähigkeit zur Humanität. Jedes der politischen Probleme wäre in zusammenwirkender Vernunft lösbar. Wir Menschen aber erweisen uns als emotional unfähig, die gemeinsam tätige Vernunft ernstlich zu wollen; denn wollten wir Sie, so würden wir nach ihr handeln. (S.603)

Die emotionale Fähigkeit, den Mitmenschen als Mitmenschen wahrzunehmen, heißt Nächstenliebe. Das ist ein Wort aus der Überlieferung der jüdisch-christlichen Religion. Der Halt an der Praxis der überlieferten Religion ist dem modernen Bewusstsein entglitten. …

Religion als Träger einer Kultur formt das soziale Leben, gliedert die Zeiten, bestimmt oder rechtfertigt die Moral, interpretiert die Ängste, gestaltet die Freuden, tröstet die Hilflosen, deutet die Welt. Diese ihre überlieferte Form ist es, die dem modernen Bewusstsein entgleitet. Die moderne Kultur ist eine Kultur des Verstandes und des Willens. (s. 604)

Wir sollten uns nicht einbilden, wir könnten unsere politischen Probleme lösen, so lange wir der liebenden Wahrnehmung des Mitmenschen unfähig sind. Eine Weltdiktatur können wir ohne sie bekommen, aber keinen Frieden. (S. 612)

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